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Welcome to the terrible friendly world of Jim Avignon
"Neoangin"
„A Friendly Dog In An Unfriendly World“
"Jim Avignon is the Andy Warhol of contemporary Berlin. He paints faster than you can switch channels and aggravates the art world by selling his work at very pop prices. While his palette is technicolor, the humour is strictly black. "
dazed and confused 10 / 2000
Kein Zweifel, der Name Jim Avignon ist inzwischen weit über die Grenzen Deutschlands hinaus ein Begriff. Seine Bilder sind absolut unverwechselbar und er selber ist in der Kunstwelt so bekannt wie ein bunter Hund:
"Der Mann, der mit dem Plattenspieler malt" nennt ihn die Süddeutsche Zeitung, „Der schnellste Maler der Welt“ titelt der TIP Berlin, "Tizian des Techno" lobt der Spiegel, und auch der Berliner Tagesspiegel jubelt: "Selten war eine Kunstaktion so detailverliebt in Szene gesetzt, und selten hat man bei einem Happening so viele gutgelaunte Besucher gesehen".
Entertainment und Kommunikation – das steht bei dem Berliner Maler, der seine Werke manchmal verschenkt oder zu Dumpingpreisen hergibt, immer im Mittelpunkt. „Ein Kunstwerk ist für mich wie eine Schallplatte, die man kauft, eine Zeitlang hört und dann vielleicht wieder weglegt“, sagte Jim Avignon der FAZ in einem Interview. „Kunst muss billig und Teil des Alltags sein und nicht wie im etablierten Kunstbetrieb unerschwinglich und vom Betrachter ganz weit entfernt“. Bei Avignons eigenen Projekten und Performances haben sich Pop-Art und Pop-Musik schon immer vermischt, manchmal sogar bedingt.
Darum ist es nur konsequent, dass der passionierte Clubgänger als Neoangin seit 1997 eigenen, wild crossovernden LoFi-Pop veröffentlicht . Überdrehter Kinderzimmer Krawall, der auch stille, melancholische Momente kennt und um Ironie keinen großen Bogen macht; zitierfreudige Musik im Sound einer leicht angestaubten Yamaha-Orgel, über die Jim sagt: „Ich kann damit alle Styles spielen und trotzdem bleibt der Klang immer speziell“. Um die Künstlichkeit seiner Musik noch stärker hervorzuheben verwendet er keine Samples, sondern arbeitet mit den auf der Orgel vorprogrammierten Sounds. Diese „Preset-Sounds“ werden allerdings so sehr gegen ihre Bedienungsanleitung eingesetzt, dass der verantwortliche Programmierer vermutlich einen Herzinfarkt bekäme, könnte er hören, was Avignon mit seiner Software veranstaltet: Da formt sich aus Country-Elementen eine Art Techno-Track, eine Jump-and-Run-Spiel-Melodie mutiert zu einem düsteren Tango, der wiederum wird von fiependen Störgeräuschen angeknabbert. Und trotzdem haben wir es hier mit sehr persönlichen, manchmal fast intimen Songs zu tun und nicht mit einer musikalischen Tour de Force um ihrer selbst willen.
Drei Neoangin-CDs sind bisher im Eigenvertrieb erschienen und leider weitgehend vergriffen. Doch auf Wonder kommt nun Avignons Meisterwerk: „A Friendly Dog, In An Unfriendly World“ - 33 Songs, zu denen es im Booklet die passenden Bilder gibt. Jim ist eben nie „nur“ Maler, oder „nur“ Musiker, sondern Chronist und Mitgestalter einer sich permanent erneuernden Popkultur.
Die collagenhafte Musik erinnert an die Verspieltheit von Badly Drawn Boy, die Texte an den Existenzialismus der frühen Cure.
Seit Ewigkeiten taped der 32jährige Radiosendungen, am liebsten die von John Peel, der im Gegenzug Jims letztes Album „It’s So Easy To Fall Apart“ gerne und oft gespielt hat. Kein Wunder, Jims Gesang erinnert nicht nur John Peel an den jungen Mark E. Smith (The Fall), etwas weniger zynisch ist er allerdings schon.
Im Prinzip ist Neoangin ein musikalischer Nachhall der letzten 15 Jahre, das Echo all jener Revolutionen, die vielleicht nicht die Welt verändert haben, dafür aber unsere Plattensammlungen. Eine persönliche Aufarbeitung von C-86, Grunge, Techno und LoFi-Pop, ein rasantes Style-Jumping, ein unvorhersehbarer Mix aus allem was Jim gefällt. Und das ist eine Menge: Doors, Stranglers, Der Plan, Blur, die Elektronik von Rephlex und Warp, Stockhausen-Walkman, Mr. Scruff, oder die DMX Crew.
Manchmal finden sich diese unterschiedlichen Einflüsse in einem einzigen Song, denn Jim arbeitet nach dem gleichen Cut’n‘Paste-Prinzip wie die Produzenten des Old School HipHop, allerdings kommt er zu ganz anderen Ergebnissen. Das ist definitiv Wildstyle Clubculture, aber ohne Sponsoring und Türsteher.
„Ich bin für eine Kunst, die nicht auf ihrem Arsch im Museum sitzt", hat der Popart-Künstler Claes Oldenburg einmal gesagt: Jim Avignon sieht das ganz genauso: Während der documenta X in Kassel malte er vor Publikum jeden Tag ein Bild – das er noch am selben Abend genüsslich zu Kleinholz verarbeitete. Mal fuhr ein Motorradfahrer mitten durch ein Gemälde, mal konnten sich die Zuschauer einzelne Teile ausschneiden und mit nach Hause nehmen.
Was für die Kunstaktionen gilt – unter anderem in New York, Hongkong und dem Londoner ICA - gilt erst recht für die Auftritte von Neoangin: Immer das Unerwartete tun, überraschend bleiben. Zusammen mit der Berliner Band Mina organisierte Jim sogar eine Rollschuh-Disco – die Band spielte in der Mitte, die Menschen kreiselten wie Satelliten drum herum.
Bei einem anderen Konzert ging es zu wie im Playstation Klassiker Tekken - zwei Karatekämpfer prügelten so lange aufeinander ein, bis der letzte Song gespielt war.
Legendär sind auch Avignons opulente Bühnenbauten aus Pappmaché: Mal spielt er in einer riesigen Tablettenschachtel, mal in einem selbstgebauten Hochhaus.
Während der gesamten letzten Tour - immerhin elf Shows – wurde kein einziges Stück zweimal gespielt. In Wien dauerte der Neoangin-Auftritt trotzdem fast drei Stunden - kein Wunder, bei 25 Zugaben.
Bereits 1996 organisierte Jim eine ganz besondere Europa-Tour: In Warschau, Budapest, London und Amsterdam mietete er komplette Budget-Hotels, um in allen Zimmern seine Bilder auszustellen und zu feiern. Ein ganzer Tross von Freunden war damals mit von der Partie, DJs, Musiker, Künstler.
Kommerzieller Erfolg war dabei eher unerwünscht, weil uncool. Schließlich verdient der Mann, der scheinbar niemals schläft, genug Geld mit dem Design von Swatch-Uhren, dem Bemalen von Flugzeugen der deutschen BA und anderen „Neben-Jobs“. Die radikal persönlichen Stücke von Neoangin stehen in einem starken Kontrast zu diesen kommerziellen Aktionen – doch irgendwoher muss das Geld für die aufwendigen Kunstaktionen schließlich kommen. „Friendly Dog, In An Unfriendly World“ ist dagegen wie ein aufregender Urlaub, mit jemandem, den man vorher noch nicht so recht kannte: Es gibt viele Überraschungen, manchmal Turbulenzen – aber am Ende hat man doch eine ganze Menge Spaß gehabt.
Aufgenommen wurde die CD übrigens in Brighton, in den Electric Blue Studios (Moloko, Low-Fidelity Allstars), von einem Typen, der sich Pilot Pirx nennt. Merkwürdiger Name, aber auch er hat seine Sache gut gemacht.
Ausstellungen / Aktionen:
- 1992 Destroy Art Galleries – uneingeladen auf der Documenta malen und dann die Bilder kaputt hauen.
- 1995 Frankfurter Kunsthalle Schirn – 800 Bilder für je 15 Mark in einer einzigen Nacht verkauft.
- 1995 Kuratorkiller-Shop in Berlin – Beginn der U-Kunst-Gruppe
- 1996 Popbones Europatour – Ausstellungen in Hotels
- 1997 U-Kunstclub – zusammen mit der Galerie BerlinTokio auf der Documenta (wieder uneingeladen).
- 1997 Plug In – Ausstellung im National Art Club in New York
- 1998 Buch „Busy“, zusammen mit Dag, dazu im folgenden Jahr diverse Live-Paintings in Clubs und Kunstvereinen, unter anderen:
- ICA, London
- Museum für junge Kunst, Frankfurt/Oder
- Station @ Mousonturm, Frankfurt/Main
- Museum für moderne Kunst, Krakau
- 1999 40 Gemälde, live gemalt für den TV-Sender ARTE
- 1999 – Gruppenaustellung „Mutanten“ im NRW Forum Düsseldorf
- 2000 Ausstellung und Konzert im Goetheinstitut Hongkong
- 2000 Malperformance zum Sonarfestival im Museum für moderne Kunst Barcelona
- 1997 – 2000 40 Zeichentrickfilme für das ARD Kinderprogramm
- Außerdem: Diverse Ausstellungen in Galerien und Clubs, in Paris, Berlin, Köln, Frankfurt
- Illustrationen und Cover für Spiegel Special, Tip, Die Woche, etc
Bücher:
- "Pop Bones", Eigenverlag
- „Busy“ (1998 zusammen mit Dag): Die Gestalten, Berlin
- „TV Made Me Do It“: (2000) Verbrecher Verlag Berlin
- Attack / Delay (2001) Eigenverlag / Vertrieb Verbrecherverlag Berlin
Alben:
- „Musik für Kinder“ (1997)
- „Musik für danach“ (1998)
- „It’s So Easy To Fall Apart“ (1999)
- Friendly Dog In An Unfriendly World (2001) Wonder / EFA
Single:
- „Faustrecht der Freiheit“ (mit Brezel Göring)
Beiträge auf Compilations:
- Berlin Tokyo
- PopTics (Bungalow)
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