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"Geisterfaust"

Ein Text von H. Schmitz. Er ist im Januar 70 Jahre alt geworden und laut eigener Einschätzung: " Seit 55 Jahren intensiver Musikhörer und Musikliebhaber".
Schmitz ist der Meinung, sein Text sei als Höranleitung zu GEISTERFAUST zu verstehen, denn die könne der potentielle Hörer durchaus gebrauchen, um zu verstehen, worin die "Schönheit dieser Musik liegt" und um durchzuhalten bis zum Ende, wo seiner Meinung nach eine Auflösung des voran gegangenen Rätselhaften erfolgt und die ganze Musik rückwirkend verständlich macht.
Geschrittene Akkorde - ein Enigma?
1.Zeigefinger, 2.Daumen, 3.Ringfinger, 4.Mittelfinger, 5.Kleiner Finger
Eine GEISTERFAUST mit leisem Beginn und effektvoller Steigerung durch Spreizung ihrer Finger in den ersten vier Sätzen. Diese Spreizung wird
durch fortwährende Akkorde bewirkt, durch deren permanente Modulation entstehen Spannungsfelder, die Schrittmomente suggerieren,
die letztlich als geschrittene Akkorde daherkommen und gleichzeitig eine rätselhafte Atmosphäre erzeugen.
Vergleichbar diesem Rhythmus ist mittelalterliche Musik, auch in Begleitung zum Schreittanz. Diese Musik war in unserem Sinne "harmoniefremd", aber nicht unharmonisch. In GEISTERFAUST wird eine Fortentwicklung dieser Musik präsentiert, die klassischen Elementen folgt. Igor Strawinsky meinte dazu: " Man knüpft an eine Tradition an, um etwas neues zu machen. Die Tradition sichert auf solche Weise die Kontinuität des Schöpferischen." Hierin liegt zugleich die Auflösung des Enigma`s dieser Aufnahme, arrondiert durch manifeste Harmonik im fünften Satz. Es ist eine Terrassendynamik entstanden durch Nebeneinander von leisen und kräftigen Partien.
Der sedative, psychomotorisch stabilisierende Effekt langsamer Musik, wie sie sich hier dokumentiert, ist eine der verlässlichsten musiktherapeutischen Fakten.
Eine gelungene Balance zwischen Enigma und dessen Auflösung.
(H. Schmitz)

Wo andere das Ende der Musik vermuten, ist das Zuhause von Bohren & der Club of Gore. Das Instrumental-Quartett aus Köln und Mülheim/Ruhr geht Anfang der Neunziger aus der Hardcore-Band 7Inch Boots hervor. Damit kippt das Konzept von einem Extrem ins andere: Stille statt Lautstärke, Sanftheit statt Aggression, Klarheit statt Verzerrung.
Die ersten zwei Bohren Alben, “Gore Motel“ und vor allem die Doppel-CD “Midnight Radio“, zeugen vom eigentlich Undenkbaren, nämlich der Übertragung von Easy- Listening-Sounds auf düstere Doom-Rock-Stimmungen. Schaurig-schöne Musik an der Grenze zum Stillstand.
Fünf Jahre später bringen Bohren ihren Horror-Jazz auf einen vorläufigen Punkt. “Sunset Mission“ ist das zugänglichste Album der Band. Weil ein Tenor-Saxophon die Melodien übernimmt und somit eine klassische Jazz- Instrumentierung vorliegt, wirkt ihre Musik hier erstmals
auch für ungeübte Ohren einigermaßen vertraut. Nebenbei bemerkt ist “Sunset Mission“ mit durchschnittlich 44 Bpm ein ungewohnt flottes Werk.
“Black Earth“, erschienen im zehnten Jahr ihres Bestehens, fasst das bisherige Schaffen von Bohren zusammen und vereint die verschiedenen Facetten ihrer Musik auf einem Album: die bizarre Verschrobenheit des Debüts, die bedrohliche Leere von “Midnight Radio“ und die kompositorische wie klangliche Eleganz von “Sunset Mission“. Dann folgt eine Art konzeptionelles Reinemachen: Abgearbeitete Ideen und Vorstellungen werden über Bord geworfen. Den frei geräumten Platz füllen Bohren & der Club of Gore mit einer Konsequenz auf, die sich kaum in Noten messen lässt. Die Kargheit des neuen Albums ist also kein Zufall.“Geisterfaust“ trägt den letzten Rest von Pop-Idiomen, der
sich in Bohrens Musik versteckt hielt, endgültig zu Grabe. Reduktion ist das Stichwort: Wo eben noch ein Beat in slow motion vor sich hin schlich, liegt der Rhythmus jetzt gevierteilt am Boden. Die Harmonien fallen wie überreife Früchte aus den Instrumenten. Zarte Tuttis und lange Ausklänge bestimmen über weite Strecken das Geschehen. Spätestens der “Mittelfinger“ setzt jegliches Zeitgefühl außer Kraft. Bei weiterer Minimierung landete man wohl bei Kollegen wie La Monte Young.
Was übrig bleibt, strahlt umso stärker. “Geisterfaust“ hält die Essenz von Bohrens Musik fest im Griff. Horror-Jazz wie auf “Sunset Mission“ liefert nur der “Kleine Finger“. Dieses letzte, einzige Stück mit Saxophon ist das versöhnliche Ende eines brutal-romantischen Albums, dessen
dunkle Schönheit mehr denn je im Verborgenen liegt.
Genieße die Einsamkeit.


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