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"Knietief im Dispo "

Wie aus dem harmlosen Azubi P. Hein „der Welt gefährlichster Punk-Rocker Janie J. Jones“ werden konnte, keine Ahnung. Die Bilder dazu existieren noch – Düsseldorf, der Ratinger Hof, Typen, die wie Weihnachtsbäume in einem Kurt- Schwitters-Gedicht aussahen. Das Gefährliche an Janie waren immer die Haken, die er in seinen Texten schlug, die Rätsel, die er sich und anderen aufgab, die ständige Neudefinition des Hier & Jetzt im Großen und Ganzen. Mit anderen Worten: die späte Emanzipation vom Anglo-Ami. Singe deine Sprache! Und singe sie gut! Deshalb gibt es Fehlfarben, die Band von Hein jetzt wieder in Originalbesetzung, 22 Jahre nach „Monarchie und Alltag“. Höchste Aktualitätsstufe, allüberall. Das 1980er Debüt-Album der Band Fehlfarben konnte zu einem Kilometerstein der neuen deutschen Musik werden, weil es dem „anders anders sein“ (Hein) einen Sound und ein Gefühl gab. Die Textzeilen der Düsseldorfer schossen wie Leuchtraketen ans Firmament der Rock’n’Roll-Beliebigkeit. „Es liegt ein Grauschleier über der Stadt, den meine Mutter noch nicht weggewaschen hat“. Und: „Paul ist tot. Kein Freispiel drin.“ Das war dann doch ein bisschen zu clever für diejenigen, deren Punk- Rezeption sich in einem Holzschnitt der Yellow Press mit ein paar Rasierklingen-bewehrten, hässlichen Deutschen erschöpfte. Ein richtiggehendes Auskunftsbuch zu Punk und New Wave in Deutschland veröffentlichte erst in diesem Frühjahr der Journalist Jürgen Teipel in Form einer knapp 400 Seiten starken Interview-Montage: „Verschwende deine Jugend“. Darin kann man nachlesen, an was Gitarrist Thomas Schwebel sich beispielsweise so erinnert: Fehlfarben, Verschnitt, falsche Ska-Band, so fing’s an. Größere Zusammenhänge erklärt Ihnen der Herr Diederichsen. Fenstermacher und Hein verließen Fehlfarben vor dem zweiten Album, die übrigen Fehlfarben murkelten wie Besessene an einemPop-Entwurf jenseits der Beton-Fraktion. Die Alben „33 Tage in Ketten“ und „Glut und Asche“ demonstrierten ein deutlicheres Interesse an Soul und Tanzbarkeit. „Monarchie und Alltag“ blieb das Monument. 2000 sackte die Band eine Goldene Schallplatte für das Album ein, hatte auch schon keiner mehr mit gerechnet. Und weil man gerade frisch gebügelt und schultergeklopft so beisammensaß und dabei war, das bisschen Jugend in die Nachrichtenseiten der
Feuilletons zu versenden, kam eine herrliche Laune auf. Fehlfarben hatten sich doch mal geschworen, alle zehn Jahre eine Platte zu machen.
„Schnöselmaschine“ war dann die Geburt der neuen Fehlfarben. Der Pyrolator (Kurt Dahlke) buk jetzt alles noch mal neu zusammen. Die Elektronik darf in den neuen Songs mit den Gitarren zündeln, damit’s knistert und kracht. Da findet sich was. Wiedervereinigung, ein ziemlich deutsches Thema, ist ja erstmal ein Scheiß-Showformat. Es bedarf zahlreicher Verrenkungen und Lichteffekte, um noch mal mit dem klarzukommen, was nicht mehr sein darf, aber immer noch ist. Fehlfarben kennen das Leben, sie sind im Kino gewesen. „Monarchie und Alltag“, das Album mit der höchsten Slogan-Dichte hinter dem Gesamtwerk von Bob Dylan und der Ariel-Werbung, wartete damals schon mit einem kleinen Trick auf, der sich der Hippie-Analyse entzog: Ironie. Hauptsache, die kapieren nicht! Was ist Ironie? Wenn ein paar Forty somethings sich, wie jetzt beim PopKomm-Auftritt im August, gegen lästige Sackgesichter verplakatieren, die doch nur fragen, was sie mit ein paar alten Männern auf den neuen Märkten sollen. Obacht, was macht die junge Frau da? Saskia von Klitzing (die früher bei den nachbarstädtischen Bones getrommelt) hatte Janie angeschleppt, nachdem Drummer Uwe Bauer von den Original-Recken den neuen Fehlfarben abgesagt hatte. Notiere: Peter Hein (Gesang), Thomas Schwebel (Gitarre), Uwe Jahnke (Gitarre), Michael Kemner (Bass), Frank Fenstermacher (Percussion, Keyboards, Sax.), Kurt Dahlke (Elektronik, Produktion) und Saskia von Klitzing (Schlagzeug). Das Line-Up
stand also, die Songs wurden in einem Zeitraum von anderthalb Jahren in Vierbis-sechs-Tage-Sessions im AtaTak-Studio erarbeitet, bis der ganze Computer abschmierte und alles noch mal Stück für Stück zusammengetragen werden musste. Das Video zum „Club der schönen Mütter“ kriegt die Credits der Saison. Die hochschwangere Charlotte Roche geht für Fehlfarben noch mal im Club arbeiten, während zu Hause Kinderparty gemacht wird. Flimmerkiste läuft, Band an Bord, juchhu!
Und sie spielen auch wieder live. Düsseldorf, Köln, Castrop-Rauxel. „Scheiße, Alter“, beschwerte sich einer in Köln darüber, dass da kein „Es geht voran“ kam: „Das ist wie Stones ohne ‚Satisfaction’.“ Knietief im Missverständnis, da sind auch Fehlfarben nicht vor. Wie die Jugend so tickt, konnte man in den ersten Reihen beobachten, die Band fühlte sich verstanden. „Wir haben Bock auf ne Tour“, sagt Dahlke. „Die Häuser rocken.“ „Knietief im Dispo“, das Album, ist der Neuverortung einer Band geschuldet, hinter deren Standpunkten mehr als ein knuffiger Rest von Punk-Romantik schillert. Weil’s immer noch kein gutes Leben im schlechten gibt, sind die Fragen auch nicht besser geworden. Wo ist das „Mehr“, das Pop uns mal versprochen hat? Davon kündet „Reiselust“, das Rock-Monster ohne Destination, dunkelviolett wie die Vorahnung der Pest. Scheitern, wo man hinhört: Der Konkurs der Posen, Abstoßen und Stellen abbauen, das Gestammel von Sozialisierungs- und Modernisierungsverlierern. Am Horizont immerhin ein Differenzgewinn. Am Boden das katatonische Keifen von Gevatter Hein im
Drei-Minuten-Raum. Man kann sich nicht erinnern, so was in den letzten zehn Jahren mal gehört zu haben. Regierung ertränken, Rhein in Flammen setzen, Börse entkernen, ein Bier, ein paar Mark, ein paar Möpse vielleicht. Was war jetzt nicht von der neuen Fehlfarben?
Die Richtung stimmt: „Sieh nie nach vorn, was hab’ ich denn da vorn verlorn?“ singt Hein im letzten Song des Albums. Die ultimative Antwort auf den ungeliebten Bastard, den Hausbesetzer-Hymnus und schon mal falsch verstandenen Hit: „Es geht voran“. Heute sitzt Janie allein mit ihr in der kleinen Geldwäscherei und zählt Befindlichkeiten. Das Leben wird schon gesattelt, Politik zwischen den Zeilen geritten. „Die Internationale“ heißt jetzt: „Ich denke nur daran, dass ich mit dir vergessen kann“. Astreine Melodie, selbstredend.


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